Veloreise auf Sardinien – eine Fahrt voller Kontraste und Farben

Ruth Pool | 15.12.2016

Ich bin für Baumeler Reisen mit dem Velo auf einer wunderbaren Fahrt. Der Sage nach wurde die arme Schuhsohle – Ichnusa (griechisch) bei der Erschaffung der Welt zuerst übersehen. Doch ein Engel machte den Schöpfer auf das Aschenputtel im Mittelmeer aufmerksam. Reumütig machte er sich ans Werk und nahm von allen wunderbaren Dingen etwas: ein wenig schneebedeckte Alpen, grün bewaldetes Mittelgebirge, eine gute Portion karibischer Traumstrände, eine Prise Sahara und sogar eine kleine Ecke vom Mond. So erhielt Sardinien den schönsten Spitznamen «Kontinent im Kleinen». All diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, während ich gemütlich Richtung Costa Smeralda pedale. Mein Ziel ist der La-Maddalena-Archipel, der dank seiner Schönheit 1997 zum Nationalpark erklärt wurde. Eine Fahrt auf der Strada Panoramica ist Pflichtprogramm. Verträumte Badebuchten, karibische Meeresfarben, malerisch verwitterte Granitfelsen, duftende blühende Macchia und alte Forts und Festungen wechseln sich ab. Ein Badestopp muss sein, bevor ich die grüne Insel Caprera entdecke. Doch weder Strände, Delphine oder Mineralien locken täglich Scharen von Italienern auf die Insel, sondern der Alterssitz Giuseppe Garibaldis. Jeder echte italienische Patriot muss die Casa Garibaldi mindestens einmal im Leben besucht haben.

Meine Veloreise führt mich weiter durch das Herz der Gallura, in einsame Gegenden, vorbei an knorrigen Korkeichen, mächtigen Gigantengräbern, Dolmen und geheimnisvollen Nuraghen Komplexen.  Fasziniert von den alten Kulturen erreiche ich das nächste Dorf, wo das Fest des S. Efisio gefeiert wird. Blumengeschmückte Ochsengespanne, alte Traktoren, Hirten mit ihren Launeddas, den traditionellen Hirtenflöten, stolze Reiter auf edlen Pferden und Sardinnen in prächtigen Trachten ziehen an mir vorbei. Fast jedes Inseldorf hat seine eigene Trachten- und Tanzgruppe.

Ein weiterer Höhepunkt wartet auf mich, die «Olivastri Millenari» beim Lisciasee . Der älteste der 3 wilden Olivenbäume soll sagenhafte 4500 Jahre alt sein. Bevor ich mich wieder in den Sattel schwinge, stärke ich mich ein einem Agriturismo mit Antipasti della casa, dem typischen Pane carasau, sardischen Gnocchis und einem guten Glas  Vermentino.

Sardinien –das Land der Hirten – ein Leben in Einsamkeit

Vor knapp 30 Jahren reiste ich das erste Mal durch Sardinien, seit damals fasziniert mich das Land der Hirten. Etwa 30‘000 Hirten hüten 3 Millionen Schafe, dazu kommen noch Ziegen und Kühe/Rinder. «Die Musik der Insel ist der Klingklang der Schafglöckchen», schrieb einst D.H. Lawrence. Und Gavino Ledda notiert in seinem Lebensbericht «Padre Padrone»: «Aber da ich ja immer allein war und mich mit mir selbst wie mit der Natur nur schweigend unterhielt, verlor das gesprochene Wort allmählich an Bedeutung. Zunge und Kehle, Atem und Stimm-bänder benutzte ich nur, um rufend und schreiend die Füchse zu vertreiben.»

Sa resolza – das sardische Hirtenmesser

Das Hirtenmesser wird seit Generationen in Pattada geschmiedet, mindestens 10 Schmiede üben das alte Handwerk aus. «Es spielt keine Rolle, welche Kleidung du hier trägst, aber welches Messer du in der Tasche hast, ist entscheidend», erklärt mir ein älterer Hirte. So besitze ich jetzt neben dem typischen Schweizer Victorinox ein kunstvolles sardisches Hirtenmesser.

Su Cologone – schönste Quelle und eines der berühmtesten Hotels Sardiniens

Auf kleinen einsamen Nebenstrassen verlasse ich die Region Logudoro und erreiche nach einer faszinierenden Velofahrt den Supramonte. Am Fuss des weissen Kalksteinmassivs, mitten in der blühenden Natur und im Stil eines sardischen Landgutes liegt mein Traumhotel Su Gologone.

Murales in Orgosolo und Mamuthones

Eigentlich will ich nur noch die stilvolle Atmosphäre meines tollen Hotels geniessen, aber die Murales, die berühmten Wandbilder Orgosolos verlocken mich zu einer weiteren wunderschönen Velofahrt. Die Murales entstanden Ende der 1960er Jahre als stummer Protest gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Ungerechtigkeit, heute herrscht die Freiheit der Kunst. Mein nächster Halt ist in Mamoiada, das für seinen Umzug der dämonischen Mamuthones bekannt ist. Der Brauch soll auf einen phönizischen Wasserkult zurückgehen.

Abends sitze ich entspannt auf der idyllischen Terrassenbar und lausche den Gesprächen der einheimischen Trekkingguides und Hirten. Ihr sardischer Dialekt tönt kehlig und ist schwer verständlich. Als ich ein Mineralwasser bestelle, erklärt mir Francesco: «Wasser ist für die Tiere, der Wein ist für die Menschen». Diesen Rat befolge ich gerne. Morgen muss ich noch unbedingt eine süsse Torrone, einen köstlichen Pecorino Sardo und Miele amaro für den Heimweg einkaufen. Baumeler Gäste und ich lieben kulinarische Spezialitäten.


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