Schluchten, Esel und ein Bad im Meer

Monika Hächler | 15.12.2016

Schluchten gehören mindestens so zu Kreta, wie Orangen- und Olivenbäume, Ziegen, hohe Berge und das tiefblaue Meer. Am bekanntesten ist die Samaria-Schlucht, die längste Schlucht Europas. Aber es gibt unzählige weitere Schluchten zu entdecken und jede ist anders. Einige sind nur mit dem Kletterseil zugänglich, in andere führen ausgebaute Strassen. Manche sind voller üppigster Vegetation, andere karg und steinig. Viele Schluchten sind wegen Hochwasser bis spät im Frühling für Wanderer gesperrt, andere führen gar nie Wasser. Auf einer Wanderreise durch Kreta gehören Schluchtenwanderungen zu den eindrücklichsten Erlebnissen. Heute stand die Imbros-Schlucht auf unserem Programm. Wie die Samaria-Schlucht führt sie im Westen Kretas hoch von den Lefka Ori – den Weissen Bergen – hinunter an die Südküste, in die Sfakia, eine der wildesten und ursprünglichsten Landschaften Kretas.

Bevor wir die knapp acht Kilometer durch die Schlucht unter die Wanderschuhe nehmen, stärken wir uns in der Taverne „Ποροφαραγγο“ –frei übersetzt „Furt zur Schlucht“ - auf der Askifou-Hochebene mit einer Sfakion Pita. Das ist die lokale Variante der in Kreta allgegenwärtigen Teigtaschen. Die Bewohner der Sfakia - die Sfakioten - sind traditionell Schaf- und Ziegenzüchter. Entsprechend ist die Pita mit Frischkäse gefüllt und wird mit Honig gesüsst. Lecker!  Der Tee aus einheimischen Bergkräutern passt hervorragend dazu. Für den lokalen Schnaps, den uns Christos, der Wirt, ganz in der Tradition kretischer Gastfreundschaft anbietet, ist es aber definitiv noch zu früh.

Trotz des Zwischenhalts in der Taverne ist es noch angenehm kühl. Immerhin befinden wir uns auf rund 750 Meter über Meer. Der Pfad in die Schlucht ist steinig, aber überall gut erkennbar. Stetig geht’s abwärts. Eichen und Platanen spenden Schatten, der wilde Thymian wächst dicht und verströmt seinen angenehmen Duft, auch wilder Salbei spriesst üppig in der Schlucht.

Plötzlich steht ein Esel am Wegrand. Von einem Besitzer ist weit und breit nichts zu sehen. Was der wohl hier macht?

Je weiter wir Richtung Süden wandern, desto spärlicher wird die Vegetation. Inzwischen steht die Sonne hoch am Himmel. Wir nehmen es gemütlich, immer wieder finden wir schattige Plätzchen zum Rasten, einen Schluck Wasser zu trinken, die faszinierende Umgebung zu bestaunen. Nach jedem Kilometer informiert uns ein Schild über die noch verbleibende Distanz. In diesem trockeneren Teil der Schlucht wachen Zypressen und hoch an den Felsen der Ebenholzstrauch mit seinen auffälligen rosa Blüten.

Immer dichter rücken die Felsen zusammen. Der Blick schweift nach oben, ich kann kaum mehr die obere Kante der steil aufragenden Felswände erkennen. Nur gut zwei Meter misst der Durchgang an der engsten Stelle.

Ein wenig bin ich erleichtert, dass sich die Schlucht nun langsam wieder weitet. Hier sitzen in einem kleinen Unterstand zwei Sfaktioten und betrachten die Wanderer. Im Gespräch stellt sich heraus, dass die beiden zusammen mit den Kontrollen am Ein- und Ausgang der Schlucht für die Sicherheit der Wanderer zuständig sind. Sie helfen, wenn sich jemand beim Abstieg über die Steine den Fuss vertritt oder wenn gar ein schlimmerer Notfall eintreffen sollte. Und ja, der Esel gehört auch zum Rettungsteam. Alle zusammen bilden sozusagen die Rega der Imbrosschlucht.

Einen letzten Halt legen wir im kleinen Kaffee am Ausgang der Schlucht ein. Der vor unseren Augen frisch gepresste und kühl servierte Orangensaft schmeckt hier besonders gut und lässt die Anstrengungen der Wanderung gleich wieder vergessen. Nun sind es nur noch ein paar Minuten bis zur Taverne in Komitades. Nach dem verdienten Mittagessen reicht es vor der Rückfahrt an die Nordküste sogar noch für ein ausgiebiges Bad im glasklaren Meer am Kieslstrand bei Frangokastello.

Eines ist trotz müder Beine sicher: dieser ausgefüllte Wandertag hat uns die Vielfalt und den Zauber Kretas ein ganzes Stück näher gebracht!


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