Malta, wo Christen zu Allah beten

Erna Käppeli | 15.12.2016

Ostersonntag. Wir lassen es uns nicht nehmen, heute bei der Osterprozession live mit dabei zu sein. Davon stand nichts im Baumeler Reiseprogramm, doch bis Ende Woche, so beteuert unsere Reiseleitung, werden wir nichts anderes verpasst haben.

Mit gefülltem Picknicksack und voller Neugier ziehen wir los nach Senglea, einem befestigten, historischen Ort, der auf einer Landzunge gegenüber von Valletta am Grossen Hafen liegt. Süleyman der Prächtige belagerte 1565 mit seinem Heer diesen Teil der Insel. Er rechnete nicht mit dem zähen Widerstand der zahlenmässig unterlegenen Ritter und Malteser unter dem Grossmeister Jean Parisot de la Valette. Mit Unterstützung aus Europa und Rom hielt der Johanniterorden seiner Belagerung stand und Malta wurde jahrhundertelang zum christlichen Bollwerk gegen den Islam. Wie widersprüchlich kommt es uns dann vor, wenn während eines Gottesdienstes der christliche Gott mit „Allah“ angebetet wird. Doch Malta hat seinen Ursprung im Arabischen, geschrieben aber wird in lateinischer Schrift. Dies ist nur ein Beispiel von dem kulturellen Mix auf der Insel und von den zahlreichen Fremdherrschaften, die alle ihre Spuren hinterlassen haben.

Beeindruckt von den mächtigen Befestigungsmauern der Hafenstadt Valletta schlendern wir anschliessend durch die engen, hübsch dekorierten Gassen Sengleas. Kaum ein Laut dringt aus den verschlossenen Türen, nur der sanfte Morgenwind weht uns Gerüche von Speisen entgegen. Wer am Ostermorgen nicht kochen muss, hat sich auf dem Platz vor der Basilika Maria Geburt versammelt. Eine Blaskapelle spielt auf und verkürzt die Warterei; Frauen auf hohen Absätzen und mit kurzen Röcken, Männer in dunklen Anzügen, Kinder in ihrer Sonntagstracht begrüssen sich, plaudern, bis sich endlich das grosse Tor der Basilika öffnet und zehn weissgekleidete Träger die schwere Statue des auferstandenen Jesus aus der Kirche tragen. Jemand lässt goldene Papierschnitzel über die Statue regnen. Die Gemeinde macht Platz und folgt dem Auferstandenen betend durch die vielen Gassen Sengleas.

Wir lassen die Menge ziehen und fahren stattdessen an die Westküste zu unserem Wanderausgang. Stille und frische Meeresluft erwartet uns nachdem wir das dichtbesiedelte Gebiet um Valletta verlassen haben. Das Land ist karg, steinig und wasserarm, nur im Winter und Frühling blüht es auf. Noch säumen viele blühende Pflanzen unseren Wanderpfad und liefern ein faszinierendes Farbenspiel. Auf Terrassen und in ummauerten Feldern pflanzen die Bauern Gemüse und Früchte an. Sie haben kein leichtes Spiel hier mit der dünnen Humusschicht, dem starken Wind und dem spärlichen Regen. Doch sie behaupten, dass sie geschmacklich die besten Produkte der Welt haben.

Wir überzeugen uns davon auf dem Olivengut von Sammy Cremona. Mit Herzblut baut er zusammen mit fünfzig Bauern die alte einheimische Olivensorte wieder an. Einst galt sie als bitter, wurde von dem Johanniterorden verschmäht und durch die italienische ersetzt. Tatsächlich schmeckt sie bitter. Doch als wird das Öl der kaltgepressten Olive mit dem leicht pfeffrigen Abgang degustieren und anschliessend mit Tomatenpaste und frischgebackenen Sauerteigbrot geniessen, sind wir restlos von der einmaligen Qualität des maltesischen Olivenöls überzeugt. Sammy’s Frau Matty verwöhnt uns danach mit einem Pasta-Auflauf aus ihren maltesischen Kochbüchern, in denen sie die alten Rezepte der Bauern und des Ordens niedergeschrieben hat.

 

 

Geschichte begegnet uns in dieser Kultur- und Wanderwoche auf Schritt und Tritt. In der Wochenmitte haben wir bereits einen guten Eindruck von der bewegten Vergangenheit der kleinen Insel. Nun kommt ein weiteres grosses Rätsel dazu: die megalithischen Tempelanlagen. Es wird angenommen, dass einst bis zu fünfzig solcher Anlagen in der Zeit zwischen 5000 und 2500 vor Christus auf Malta entstanden sind, gebaut aus Steinen bis zu 20 Tonnen schwer und gefüllt mit Altären und verschiedengrossen Steinfiguren, die die grosse Erdmutter darstellen. Warum? Wozu? Wer waren diese Menschen? Es gibt keine und gleichzeitig viele Antworten und Theorien auf diese Fragen. Erich von Däniken würde sagen, dass die Tempel von Ausserirdischen gebaut wurden. Doch nichts ist bewiesen und wir fantasieren und spekulieren gerne weiter.

Vieles haben wir in dieser Woche kennengelernt und es gäbe noch viel mehr. Malta ist kompakt und intensiv und liegt im Schnittpunkt aller Kulturen und Ereignisse im Mittelmeer. Und das, obwohl die Insel praktisch unbedeutend klein ist, die Wellen des Meeres an der Küste nagen und Wind und Regen die Spuren der Vergangenheit langsam verwischen.

Bereichert an Wissen, gebräunt von der Sonne und geistesklar von der Meeresluft verlassen wir die Insel. Vielleicht auf ein andermal…


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