Mystisches Ladakh - Interview mit Barbara Steinmann

Susi Schildknecht | 13.12.2016

Ladakh, das Land im Schatten des Himalaya, steht dieses Jahr für tibetische Buddhisten im Zentrum des Interesses. Im Juli findet das Klosterfest in Hemis statt, wo heuer nach 12 Jahren wieder der grosse «Seiden-Thangka» ausgerollt wird. Die passionierte Himalaya-Kennerin Barbara Steinmann war vor 36 Jahren erstmals dort und seither immer wieder.

Interview mit Barbara Steinmann

Was waren Ihre ersten Eindrücke in Ladakh? Barbara Steinmann: Ich reiste 1980 als 20-Jährige zusammen mit meiner Schwester in dreitägiger Busfahrt von Srinagar in Kashmir ans Hemis-Fest, zu dem erstmals westliche Touristen offiziell zugelassen waren. Schon die Fahrt war spektakulär. Das Licht, der weite Horizont, die aride Landschaft, Gebetsfahnen auf den Pässen und die zahlreichen aktiven Klöster strahlen grosse Mystik aus, Spiritualität liegt quasi in der Luft.

Wie erlebten Sie damals das Hemis-Festival? Nach einem Fussmarsch entlang endloser Gebetsmauern erreichten wir Hemis, wo wir in einem Pappelhain unser kleines Zelt aufstellten. Es war sehr eindrücklich, das Eintreffen der Pilger aus ganz Ladakh mitzuerleben. Sie installierten sich, trafen Bekannte, kochten, assen und deckten sich mit Notwendigem und Krims-krams ein. Ein Klosterfest ist immer auch ein wenig Jahrmarkt mit Händlern aus der ganzen Region. Die Ladakhis reagierten auf uns mit freundlicher Neugier. Ich erinnere mich, dass unsere Konservenbüchsen begehrt waren, um daraus Schöpfkellen zu fertigen. Die Gläubigen umrunden das Kloster und seine Tempel, um den Segen der Gottheiten einzuholen, sie bezeugen ihre Demut durch Niederwerfungen und legen Opfergaben nieder. Gemurmelte Mantras und das Surren der Gebetsmühlen erfüllen den Raum. Westliche Besucher, die sich respektvoll verhalten, dürfen sich unter die Pilger mischen. Vor dem eigentlichen Fest spielt Volksmusik auf. Dann rufen die Mönche vom Dach mit grossen Hörnern zum offiziellen Beginn der religiösen Rituale. In farbenfrohen Maskentänzen verehren die Mönche den Magier Padmasambhava, der im 8. Jahrhundert die buddhistische Lehre auch nach Ladakh brachte. Die Cham-Tänze erzählen dessen grosse Taten und bezwecken die Belehrung der einfachen Menschen. Ein Klosterfest ist ein unvergessliches Erlebnis.

Haben Sie in Ladakh auch Nonnen getroffen? Ich habe das Nonnenkloster Julichen besucht. Es gehört zum nahen Männerkloster Rizong. Zu jener Zeit blieb den Nonnen wenig Zeit für die Dharma-Lehre (Lehre des Buddha), sie hatten die Mönche durch harte Feldarbeit, Butter-Herstellung etc. zu unterstützen. Das hat sich glücklicherweise geändert. Dank der Ladakh Nuns Association erhalten viele Nonnen heute fundiertere religiöse Unterweisungen oder werden zu Amchis (tibet. Arzt) ausgebildet. «Man sollte etwas Musse mitbringen an diesen wunderbaren Ort der Stille.»

Welche Klöster ragen in Ihrer Erinnerung speziell heraus? Das Kloster Lamayuru ist spektakulär gelegen. In der bizarrenMondlandschaft eines ausgelaufenen Sees bietet es einen unvergesslichen Anblick. Ein Muss ist der Abstieg von den obersten Tempelanlagen durch Ruinen zum versteckten Sengge-Lhakang, dem kraftvollen Raum der Schutzgötter. Klein aber fein ist das Kloster Alchi. Die 1000-jährige Tempelanlage gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe, die Wandmalereien und Holzfresken weisen allerschönste Details auf, sie sind voller Leben. Man sollte etwas Musse mitbringen an diesen wunderbaren Ort der Stille.

Was haben Sie mit nach Hause gebracht? Aprikosenkernöl aus Alchi, unvergessliche Erlebnisse und Hochachtung für die Demut und Nächstenliebe der Buddhisten


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