Mit ein klein wenig Hilfe nach Paris

Monika Neidhart | 24.02.2017

Am Ausgangspunkt in Bern ist noch alles vertraut: die Umgebung, der Verkehr, die Sprache. Das entspannt. Dafür brauchen einige aus unserer bunt zusammengewürfelten Gruppe Zeit, sich an das E-Bike zu gewöhnen. Beim Anfahren «chrost» die eine oder andere Schaltung noch bedenklich. Manon Wild, die Leiterin der geführten Velotour (siehe Kasten), rät: «Gönd uf hei, wänner nid möget.» Natürlich will sie niemanden nach Hause schicken. Sie meint «high», die höchste der drei Unterstützungsstufen des E-Bikes. Auf der Alten Bernstrasse geht es zügig stadtauswärts.

Bald schon sind wir auf Nebenstrassen. Aus dieser Perspektive entdecken wir im eigenen Land neue Seiten. Dörfer wie Süri oder Gurmels waren nur wenigen Teilnehmern bekannt: Gaby aus Winterthur ist begeistert von der Gegend um den Murtensee und von Estavayer-le-Lac. «Da werde ich sicher später mal ein paar Tage auf Entdeckung gehen.» Nach 93 Kilometern kommen wir in Yverdon an. Die erste Etappe ist geschafft. Geschafft ist aber niemand. Die Unterstützung des E-Bikes ist spürbar: «Hätte ich das Motörli nicht gehabt, ich hätte wohl das Velo den Mont Vully ­hinauf stossen müssen», strahlt etwa Erna aus dem Luzernischen.

Schmerzende Hintern

Am nächsten Tag ist nicht nur ihr Strahlen etwas verhalten. Bei einigen Teilnehmern der Gruppentour macht sich der Hintern schmerzhaft bemerkbar. Dafür begeistert die Juragegend mit ihren einsamen Weiten, den grossflächigen hellen Bauernhäusern und dem wellenförmigen Auf und Ab. Frieda aus Bern zum Beispiel meint: «Das gefällt mir an dieser Region: Du weisst nie, was nach dem nächsten Aufstieg kommt.» Die Höhenmeter bewältigen wir dank der Unterstützung des E-Bikes erstaunlich locker.

Kurz vor Ornans, dem «Klein Venedig» der Franche-Comté, zeigt sich uns der Jura von einer spektakulären Seite. Tief und eng ist der bewaldete Taleinschnitt. 1845 wurde hier eine Bergstrasse in den Jurakalk hineingeschlagen. «Mouthier-Haute-Pierre» («Hoher Stein») ist eine treffende Bezeichnung für ein Dorf, das am steilen Berghang klebt.

Viele Weltkulturgüter

Am dritten Tag regnet es. Es ist kühl. Meine Oberschenkel fühlen sich an, als hätte sich Blei einge­lagert. Es will nicht richtig rollen. Manon Wild tröstet: «Der dritte Tag ist oft der schwierigste.» Da kommt die Besichtigung der Königlichen Saline in Arc-et-Senans gerade zur richtigen Zeit. Die Anlage von Claude-Nicolas Ledoux aus dem Jahr 1779 gehört zum Weltkulturerbe der Unesco. Sie ist ein Prunkstück der industriellen Baukunst.

In der halbkreisförmigen Anlage erahne ich etwas von Ledoux’ visionären Gedanken: «Die Form ist so rein, wie die Sonne im Laufe beschreibt.» Ob es die 250 Arbeiter der Saline auch so harmonisch erlebten? Ästhetik und Umsetzung von Idealen scheinen mir in Beaune, bei einem weiteren Weltkulturgut, eher realisiert worden zu sein. Das Hôtel-Dieu, das seit seiner Gründung im 15. Jahrhundert bis in die 1950er-Jahre als Krankenhaus genutzt wurde, fasziniert uns im Innenhof mit seinen Arkaden und den farbig glasierten Ziegeldächern. Schon früh ­erwirtschaftete das Hospiz Geld aus Weinbergen.

Mitten in der Hochburg der Burgunderweine trinken auch wir den Rebensaft. Ohne Kostprobe(n) wäre es mir, als hätte ich das Burgund nicht wirklich bereist. Fruchtig-leicht mundet der Chablis aus der Chardonnay-Traube. Dazu geniessen wir regionale Spezialitäten wie Jambon persillé (gekochter Schinken in Petersiliensülze) oder einen ­Epoisse (ein in Marc eingelegter Käse). Wir lassen es uns auch kulinarisch gut gehen auf dieser Velotour. Den Menschen der Côte-d’Or, woher die Burgunderweine mit den wohlklingendsten Namen stammen, geht es sichtlich gut. Die Dörfer in den riesigen Rebbergen und ebenen Reben­lagen sind üppig mit Blumen geschmückt.

Leere Dörfer

Ein wenig anders sieht es bei der Weiterfahrt durch die riesigen Flächen von abgeernteten Getreidefeldern aus. Ausser in der Landwirtschaft gibt es hier kaum eine Einkommensquelle. Die Dörfer wirken wie ausgestorben, da und dort sind die Fensterläden zu, Häuser stehen zum Verkauf. Wo sind die Menschen? Im Museum von Sébastien Le Prestre de Vauban, dem Militärarchitekten von Louis XIV, liefert die Auf­seherin Antworten: «Zum einen leben wir hinter, nicht vor dem Haus. Wir möchten unsere Ruhe in unserem Blumengarten. Zum andern stirbt das Leben in den Dörfern, wo es keine Schulen mehr gibt. Die Leute ziehen weg.»

Am Sonntag jedoch sehen wir sie in Scharen. Flohmärkte sind der Treffpunkt der Einheimischen. An einem Ort, wo wir einen Kaffeehalt machen, ist ein Dorffest mit Livemusik im Gange. Zu Joe Dassins Lied «Les Champs-Elysées» wird fleissig getanzt. Ja, die Champs-Elysées. In zwei Tagen werden wir dort sein.

Lange Alleen

Jeder Tag hat einen eigenen Höhepunkt. Mal sind es die lauschigen Fahrten auf Treidelwegen entlang von Kanälen, wohltuend beschattet von langen Alleen. Mal begeistern die aus Schweizer Sicht riesigen Dimensionen von Frankreich: Mark aus Nidwalden kann es kaum fassen: «So viel Land. Wahnsinn. Die Franzosen haben Platz!»

Die 750 Kilometer zwischen Bern und Paris und die zehn Reisetage fliegen nur so dahin. Schon stehen wir auf der Aussichts­plattform des 206 Meter hohen Montparnasse. Ganz Paris liegt uns zu Füssen. Erst hier oben wird mir auf einmal so richtig bewusst: «Wir haben es – dank etwas Elektropower – tatsächlich geschafft. Wir sind in Paris an­gekommen.» (Berner Zeitung)


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